Velvet

Unser Stubenpuma

5 Wochen habe ich es bei Eiseskälte fertig gebracht, diesen knuffigen Kater nicht ins Haus zu lassen. 5 Wochen saß er ununterbrochen bei uns im Garten, hat ausschließlich darauf gewartet, daß jemand von uns nach draußen kam und schlief tief und fest auf unserer Fußmatte. Er schien niemanden zu gehören und vor allem vermisste ihn auch keiner.

Es näherte sich die Paarungszeit und kurz entschlossen ließ ich ihn kastrieren. Damit er nach der OP nicht auskühlt, sollte er eine Nacht bei uns im Bad verbringen und sich wieder aufrappeln. Aus einer Nacht wurden zwei und es stellte sich heraus, daß er stark tröpfelte. Wieder ab zum Tierarzt, wo festgestellt wurde, daß er eine starke Blasenentzündung hat, einen leichten Herzfehler, Ohrmilben, eine leichte Nierenentzündung und sein Rücken wohl mal einen Sturz mitgemacht hat.

Okay, der Kater wurde also bei uns gesund gepflegt - leider immer noch im Bad, da ich wegen meiner schlimmen Katzenallergie die Tierhaare nicht überall in der Wohnung gebrauchen konnte. Innerhalb kürzester Zeit wurde ich zur "Katzenfachfrau“, denn immer wieder stand ich vor Problemen: "wie bekomme ich Katzenurin in ein Filmdöschen?“, "wie bekomme ich die Tabletten in die Katze?“, "wie hält er still, wenn ich ihm Ohrentropfen gebe?“ etc. Alles konnten wir gemeinsam gut lösen, was ausschließlich daran lag, daß es sich bei Velvet um einen wahren Schatz handelt.

Er war sichtlich so froh, daß er endlich in unserer Wohnung war, Schmusedecken hatte, leckeres Futter und viel Streicheleinheiten, daß er überhaupt keinen Grund sah, das Bad wieder zu verlassen. Hinzu kam, daß er anfangs extrem viel geschlafen hat und wohl einiges an Ruhe nachzuholen hatte.

Meine Allergie wurde, sowie ich in seiner Nähe war, täglich schlimmer und endete in einer starken Grippen mit allem, was dazu gehört. Ich hatte den kleinen Kerl schon sehr stark in mein Herz geschlossen und machte mir ernsthafte Gedanken, wo ich ihn hinvermitteln könnte. Wer würde ihm gerecht werden und würde ihn genauso lieben wie ich? Gute Freunde schieden wegen stark befahrener Straße oder bereits vorhandener zickiger Katze aus. Je mehr sich herauskristallisierte, daß ich niemanden fand, der meinen Ansprüchen genügen würde, umso schwächer wurde meine Allergie.

Das alles war im Februar 2004 - daß Velvet bei uns geblieben ist, ist doch klar!

Igendwann kam der Tag, an dem Velvet auch mal die Wohnung außerhalb des Bads kennenlernen sollte. Und da in der Zwischenzeit leider unser Ratterich Kanebo verstorben war, der immer unter dem Sofa geschlafen hatte, bestand eigentlich auch keinerlei Gefahr mehr. Doch das sah Velvet anders! Die Tür stand offen, aber er sah nicht ein, das Bad zu verlassen! Dort war es bequem, gemütlich und sicher. Es dauerte noch zwei bis drei Tage, bis er erstmals durch den Flur ins Wohnzimmer kam. Doch kaum knarrte der Dielenboden etwas, war er wieder im Bad verschwunden... Seine Neugier war aber oftmals größer als seine Angst und sein Selbstbewußtsein wuchs von Tag zu Tag. Schnell hatte er die komplette Wohnung im Beschlag und meine Allergie ist bis heute wie weggeblasen.

Seitdem erstaunt er uns fast jeden Tag aufs Neue und wir haben viel zu schmunzeln, wenn er imaginäre Feinde durch seinen Rascheltunnel jagt.

Vieles musste er erst noch lernen, so war ihm Tragen völlig unbekannt und wie bequem ein Schoß sein kann, hat er auch erst später festgestellt. Seitdem kommt er angesprungen, wenn sich jemand aufs Sofa legt oder am Computer sitzt. Seine Nähmaschine rattert in höchsten Tönen und dann zeigt er seinen Milchtritt-Tanz.

Da wir relativ katzenfreundlich wohnen, sollte er auch bald wieder seinen Freigang haben, aber er sah überhaupt nicht ein, die Wohnung zu verlassen. Mit etwas Hilfe stand er dann doch im Garten, ein Vogel hat gezwitschert, ein Auto fuhr vorbei und Velvet lief in größter Panik weg. Zwei Tage machte ich mir größte Sorgen und hatte schlaflose Nächte. Kein Velvet in Sicht... Als ich dann an einem total verregneten Abend von der Spätschicht nach Hause kam, hörte ich ein jämmerliches Katzenschreien. Ich ließ alles Stehen und Fallen und lief in die Richtung, aus der ich das Klagen vernahm. Ich konnte nichts sehen! Es war stockfinster und es regnete in Strömen. Aber warum suchte ich immer den Boden ab? Naja, weil man da Katzen irgendwie vermutet... aber nein! Er saß klitschnaß auf dem Garagendach und kam nicht mehr herunter. Ja, da war er, ich hatte ihn wiedergefunden! Ich sprach langsam auf ihn ein, denn er durfte mir ja nicht wieder entkommen. Velvet klagte und schimpfte jämmerlich. Boing baute derweilen eine sehr waghalsige Leiter und konnte so gerade eben auf das Garagendach greifen, um den nassen, sich beschwerenden Fellklumpen herunterzuholen.

Er war pitschnaß, super dünn, aber sichtlich erleichtert, wieder im Trockenen zu sitzen! Das war für mich mehr als einschneidend und da Velvet Hunde liebt und sich jedem Rottweiler vor die Füße wirft, sich von jeder Katze verprügeln lässt und vermutlich auch die Autos nicht einschätzen kann, stand für mich fest, daß er ein Stubenpuma ist. Da Velvet freiwillig eh das Haus nicht verlässt, war das auch einfach zu realisieren. Insgesamt ist er eher eine Schnarchtasche als ein Powerpaket und hat seine festen Schlafenszeiten von 11-19 Uhr. Seine "5 Minuten" lebt er trotzdem des öfteren mit seinen Spielmäusen, seinem Karton oder seinem Rascheltunnel aus.

Gerne kommt er mit auf Besuch zu Freunden und macht dort auch schon mal Urlaub. Ein abwechslungsreiches Fernsehprogramm bieten ihm die Vögel im Garten, die er gerne stundenlang beobachtet oder aber natürlich auch meine anderen Tiere. Harvey, das Pflegekaninchen, hatte ihm zuerst einen fürchterlichen Schrecken eingejagt, weil wohl beide die gleiche Größe haben, aber nach einiger Zeit hat man ihn seelenruhig auf dem Rücken liegend vor dem Kaninchengehege gesehen. Kabelfernsehen nennt man das.

Unser Plüschpuma ist einzigartig - und wenn es stimmt, daß sich Katzen ihre Menschen aussuchen, dann hat er das getan und wusste auch, wie er unser Herz erobert.